Alt-OB Doll und Theologe Ehmann diskutierten über Aktion vor Bruchsaler Rathaus von 1988
Eine anonyme Aktion mit einem jüdischen Grabstein am Bruchsaler Rathaus hat vor fast 40 Jahren den Anstoß zur Aufarbeitung der Geschichte der Stadt in der NS-Zeit gegeben. Bei einer Podiumsdiskussion am Sonntagabend im katholischen Vinzentiussal erinnerten sich der damalige Bruchsaler Oberbürgermeister Bernd Doll und der evangelische Theologe und Kirchenhistoriker Johannes Ehmann als Zeitzeugen an ein wichtiges Datum für die städtische Erinnerungskultur. Eingeladen zu der Veranstaltung anlässlich des Europäischen Tags der jüdischen Kultur hatten die Kommission für Stadtgeschichte und die Stadt Bruchsal, Moderator war der Journalist Alexander Lang.
In der Nacht des 9. November 1988 hatte Johannes Ehmann – Sohn des ehemaligen Südstadtpfarrers Reinhard Ehmann – gemeinsam mit einer Gruppe Studierender mit einem Grabstein die Bruchsaler Rathaustür blockiert. Mit der Aktion am 50. Jahrestag der nationalsozialistischen Judenpogrome von 1938 wollte Ehmann den „Anstoß dafür geben“, dass sich die Stadt Bruchsal und ihre Bürgerschaft mit ihrer belasteten Geschichte in der NS-Zeit und den Verbrechen an den jüdischen Mitbürgern auseinandersetzten. Viele hätten von dem Unrecht gewusst, später aber geschwiegen und sich der Mitverantwortung nicht gestellt. Der seit 2022 wieder in Bruchsal lebende Theologe hatte sich erst vor zwei Jahren zu der Aktion bekannt. In deren Folge war der in der NS-Zeit geschändete Obergrombacher Judenfriedhof im Jahr 2005
wieder saniert und eine Gedenkstätte errichtet worden.
Rund 850 jüdische Grabsteine waren von nationalsozialistischen Helfershelfern entwendet und in einem Hohlweg, der Obergrombacher Hohle, im Süden Bruchsals, als Stützen und Wasserrinnen verbaut worden. Einer von ihnen war der Grabstein der Rathaus-Aktion. In einem beigefügten Schreiben, das auch an die Presse ging, wurde der damalige Oberbürgermeister Doll aufgefordert, den Missbrauch rückgängig zu machen und die Aussöhnung mit Jüdinnen und Juden zu suchen. Sofort habe er sich der Sache persönlich als „Chefsache“ angenommen, sagte Alt-OB Doll. In Abstimmung mit der Israelitischen Religionsgemeinschaft (IRG) Baden habe er Rückführung der geschändeten Grabsteine und die Sanierung des Obergrombacher Judenfriedhofs in die Wege geleitet. Ehemalige jüdische Mitbürger aus Bruchsal in Israel, den USA und Südamerika seien in die Entscheidungsprozesse der Stadtverwaltung mit einbezogen worden, sagte Doll. Auch 780 jüdische Grabsteine aus dem Unteröwisheimer Weg im Norden Bruchsals wurden später auf den Judenfriedhof zurückgeführt.
Kritische Stimmen habe es in der Stadtgesellschaft auch mit Blick auf die Sanierungskosten gegeben, berichtete Doll – rund eine Million D-Mark. Erheblicher Abstimmungsbedarf in dem sechsjährigen Prozess habe mit der IRG bestanden über den Umgang mit den geborgenen Grabsteinen und die künstlerische Gestaltung der Friedhofsanlage. Doll und Ehmann betonten, die Stadtgesellschaft müsse sich weiter mit ihrer belasteten Geschichte auseinandersetzen – etwa in der Diskussion um einen „Denkort Fundamente“ am Ort der von den Nationalsozialisten niedergebrannten Synagoge. Wichtig sei es dabei, die junge Generation durch gute Bildungsarbeit vor rassistischem und antisemitischem Gedankengut zu schützen.
Quelle: Stadt Bruchsal




























